Tipp 9 Show, don´t tell – Zeigen, nicht beschreiben
Kaum etwas ist in Autorenkreisen heftiger umstritten, als diese These. Es ist dennoch wichtig, dass du weißt, was sie bedeutet und dann entscheidest, wann und wie oft du sie einsetzt.
Mit „Show“ erzeuge ich durch meinen Text mehr Nähe, mehr Intensität beim Leser. Ich lasse gleichsam einen Film vor seinem Auge ablaufen, indem ich seine Sinneseindrücke anspreche.
Das kann einen Text sehr aufwerten, aber die Handlung auch verlangsamen. Deshalb ist der richtige Weg, wie meistens, der gute Mittelweg. Etwas Show und etwas Tell, denn das macht deinen Text abwechslungsreicher.
In meinem Beispiel in Tipp 3 habe ich schon angedeutet, welcher Unterschied zwischen Show und Tell besteht. Nach meiner Erfahrung, passt Tell am besten zu Kampfszenen bzw. Szenen, in denen die Handlung sehr schnell voranschreitet. Während eines Schwertkampfes will der Leser nichts darüber lesen, wie dem Helden die Haare im Wind wehen oder er gerade über das Zwitschern der Vögel nachdenkt. In romantischen oder ruhigen Szenen bevorzuge ich hingegen mehr Show.
Hier mal eine Version, in der Tell überwiegt:
Ennos Stirn glänzte schweißig. Alfar zog sein Schwert und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, es ihm gleich zu tun. Sein Lächeln war diabolisch. Natürlich wusste er, dass Enno wenig Übung hatte. Alfar hatte außerdem genau gesehen, dass Enno am Bein verwundet war.
Als ihre Schwerter aufeinander klirrten, blitzten Alfars Augen erwartungsvoll auf. Er setzte zwei Schritte nach und drängte Enno an die Wand. Überraschenderweise stieß Enno ihn mit einem kräftigen Ruck zurück, schob seine rechte Schulter nach vorn und drehte sich unter Alfars erneutem Angriff weg, um ihn von der Seite her zu attackieren. Der Hieb ging daneben. Enno verlor das Gleichgewicht. Er prallte gegen einen der hochlehnigen Stühle, die hier überall herumstanden. Alfar setzte ihm nach. Enno hob den Arm. Vergebens.
Und nun bringen wir noch etwas Show hinein:
Auf Ennos Stirn sammelten sich dicke Schweißperlen. Alfar zog mit einer langen, eleganten Bewegung sein Schwert. Mit der anderen Hand winkte er Enno lässig zu, er möge es ihm gleichtun. Die Mundwinkel leicht angehoben hoben, zuckten seine Lider für einen Augenblick. Siegessicher. Natürlich wusste Alfar, dass Enno wenig Übung hatte. Außerdem hatte er genau gesehen, wie sein Gegner zuvor in den Saal gehumpelt war. Und er roch den Gestank, den Ennos Angst erzeugte.
Als ihre Schwerter aufeinander klirrten, weiteten sich Alfars Augen erwartungsvoll.
Überraschenderweise stieß Enno ihn mit einem kräftigen Ruck zurück, schob seine rechte Schulter nach vorn und drehte sich unter Alfars erneutem Angriff weg, um ihn von der Seite her zu attackieren. Der Hieb ging daneben. Enno stolperte. Er prallte gegen einen der hochlehnigen Stühle, die hier überall herumstanden. Der Schmerz verzerrte sein Gesicht. Alfar setzte ihm nach. Enno hob den Arm. Vergebens.
Das kann man natürlich in unendlich vielen Versionen schreiben und es ist immer Geschmackssache. Du als Autor entscheidest, wie du deine Sprache einsetzt.
Im Internet findest du auch noch viele Beispiele zu Show don´t Tell, so dass du ein Gefühl dafür entwickeln kannst.
Wie du durch die Länge eines Satzes die Handlung zum Beispiel für eine Kampfszene verlangsamen oder beschleunigen kannst, zeige ich dir in Tipp 16.
Hier möchte ich mehr auf das Show-Element eingehen. Im Beispiel der Kampfszene ist dir vielleicht aufgefallen, dass ich zuerst schrieb „Ennos Stirn glänzte schweißig.“ (Tell) und dann „ Auf Ennos Stirn sammelten sich dicke Schweißperlen.“ (Show)
Ebenso „Alfar hatte außerdem genau gesehen, dass Enno am Bein verwundet war.“ (Tell) bzw. „Außerdem hatte er genau gesehen, wie sein Gegner zuvor in den Saal gehumpelt war.“ (Show)
Ein jeweils kleiner Unterschied. Statt etwas zu behaupten, zeigst du es dem Leser. Das ist das ganze Geheimnis.
Im Show-Element arbeite ich also mit detaillierten (aber nicht zu ausführlichen) Beschreibungen. Nicht zu detailliert, weil es den Leser ermüdet und die Handlung verlangsamt, was vielleicht gar nicht meine Absicht ist. Hierzu noch mehr in Tipp 15.
Du kannst im Show-Element übrigens auch gut mit Vergleichen arbeiten. Zum Beispiel:
Der Mond stand wie eine große blasse Kugel am Horizont.
Ihr Haar glänzte wie gesponnenes Gold.
Er fiel um wie eine gefällte Eiche.
Die Farbe der Erdbeere sah aus wie frisch geronnenes Blut.
Die Blume war größer als die Faust des Mädchens.
Ich mag Vergleiche sehr, weil sie sofort ein Bild malen. Allerdings solltest du sie sparsam verwenden und versuchen, Klischees zu vermeiden. Das Haar, das wie gesponnenes Gold glänzt, ist zum Beispiel ein Klischee. Auch der Mann, der wie eine gefällte Eiche umfiel. Versuch, etwas kreativer zu sein, um dich von anderen Autoren abzuheben. In Tipp 17 schreibe ich mehr dazu.