Stille
Susans sorgsam gehegtes Universum verschob sich zum ersten Mal, als ihr Fahrrad mit einem Stein kollidierte und sie in hohem Bogen in eine andere Welt katapultierte. Natürlich waren die erlittenen Verletzungen äußerst schmerzhaft. Noch schmerzhafter war jedoch die Gewissheit, in der nächsten Zeit auf die Hilfe fremder Menschen angewiesen zu sein. Nicht, dass Susan eine Misanthropin wäre, aber sie hatte das Heft schon gerne in der Hand und bestimmte selbst, wer in ihrem Dunstkreis verweilen durfte.
Vielleicht war Susans Widerwille gegen die erzwungene Nähe zu anderen Patienten, Pflegekräften und Ärzten der Motor für ihre schnelle Wiederauferstehung nach der Operation. Bereits zwei Tage später begann sie mit den ersten Rundgängen durch das Krankenhaus. Zwar begegneten ihr auch dort Menschen, aber denen konnte sie gut ausweichen und glücklicherweise gab es genug stille Ecken, in denen sie das Alleinsein genießen konnte.
Am liebsten war sie abends unterwegs, wenn die geschäftige Atmosphäre sich verflüchtigte und einer Stimmung wich, die Susan zunächst gar nicht beschreiben konnte. Kein Besucher trabte mit suchendem Blick über die Flure, kein Weißkittel querte ihren Weg, kein Patient humpelte an ihr vorbei. Bis auf ein paar Palmen war das riesige Atrium leer. Susan fühlte sich wie ein Fisch, der allein in der großen Weite des Ozeans schwamm.
Gern setzte sie sich auf eine der nun verwaisten Bänke, platzierte ihren beschädigten Arm vorsichtig auf der Lehne und schloss die Augen.
Die Stille umflutete sie wie kühles Wasser.
Susan freute sich schon auf das Wochenende, an dem der Klinikbetrieb deutlich reduziert sein würde. So konnte sie auch tagsüber dem Geplapper ihrer Zimmergenossin entfliehen, ohne sogleich einer anderen Person in die Arme zu laufen, deren Mitteilungsbedürfnis so gar nicht zu Susans Wunsch nach Einsamkeit passte.
Am Freitag entdeckte sie zufällig, dass die einzelnen Abteilungen nicht nur durch das große offene Treppenhaus verbunden waren, sondern auch durch kleinere Aufgänge, die vornehmlich vom Personal benutzt wurden, um schneller vorwärtszukommen. Die schmalen Türen, die dort hineinführten, waren in unauffälligem Weiß gestrichen. Susans Herz machte einen erfreuten Hopser, als sie das erste Mal eines dieser Treppenhäuser betrat und feststellte, welches eigenartig ruhige Fluidum sie dort umfing. Das sanfte Licht, der fehlende Hall anderer Schritte und die unpersönliche Kühle des chromblitzenden Geländers zauberten ihr das erste ehrliche Lächeln ins Gesicht, seitdem die Notfallsanitäter sie durch die Pforten der Klinik in die Welt der Kranken und Versehrten geschoben hatten.
In dieser Nacht schlief Susan tief und fest. Sie träumte davon, wie sie gleich nach den morgendlichen Verrichtungen diese Horte der Stille und Abgeschiedenheit erkunden würde.
Am Morgen schlüpfte Susan nach der Visite in ihre Latschen und eilte zur nächsten weißen Tür. Das Abenteuer konnte beginnen. Ihr gebrochener Arm lag in einer Stoffschlinge. Der Schmerz pochte latent in ihrem Ellenbogen, aber zur Mittagszeit würde es die nächste Tablette dagegen geben. Kein Grund zur Sorge also.
Mit ihrem gesunden Arm zog Susan sich am Geländer in die Höhe. Sie hätte natürlich den Aufzug nehmen und das Treppenhaus gemütlich abwärts erforschen können, wenn sie derlei Bequemlichkeiten nicht grundsätzlich ablehnen würde. Mit ihren vierundsechzig Jahren fühlte Susan sich noch nicht alt genug, um ein paar Etagen mit der Hilfe deutscher Ingenieurskunst zu überwinden. Schließlich hatte sie Zeit. Niemand würde sie so schnell vermissen. Besuch erwartete sie nicht, nachdem sie den wenigen Freunden, die ihr verblieben waren, deutlich mitgeteilt hatte, dass sie Genesungsbesuche für reine Zeitverschwendung hielt.
In der vierten Etage verschnaufte sie für einen Moment. Unter ihr öffnete sich eine Tür, schnelle Schritte, Türenklappen. Dann war wieder Ruhe.
Kurz schweiften Susans Gedanken ab. Während ihre Hand mechanisch nach dem Geländer griff, bedauerte sie, dass sie nie einen passenden Partner gefunden hatte. Einen Seelenverwandten, der ihren Wunsch nach Stille respektieren und würdigen konnte und dennoch für sie da war. Es hatte einige Kandidaten gegeben, aber wie sich herausstellte, waren die mehr auf die eigenen Vorteile bedacht. Darauf konnte Susan gut verzichten. Sie hatte diesbezügliche Ambitionen mittlerweile zu den Akten gelegt, wo sie neben ihrem Kinderwunsch und ihrem Traum, Balletttänzerin zu werden, verrotteten.
Ein paar Schritte vor dem Absatz zur sechsten Etage ging ihr die Luft aus. Susan schnaufte, blieb mit den Füßen auf einer der Treppenstufen stehen und sog keuchend frischen Sauerstoff ein. Einen Wimpernschlag lang überlegte sie, ob die Idee mit dem Treppensteigen angesichts ihrer erst kürzlich überstandenen Operation nicht vielleicht etwas zu gewagt war. In diesem Augenblick erfasste sie ein starker Schwindel. Ihr eingegipster Arm ruderte haltsuchend umher und schickte Blitze in ihr Gehirn, als die verletzten Knochen aufeinander rieben. Susan versuchte, ihren verschwimmenden Blick auf einen Festpunkt zu richten. Vergeblich.
Der Schmerz in ihrem verletzten Arm war unglaublich, als sie auf den abwärts führenden Treppenstufen aufprallte. Das Knacken, das wie ein Beben durch ihren gesunden Arm fuhr, registrierte Susan nur fern. Schließlich blieb sie auf dem Treppenabsatz zwischen der fünften und der sechsten Etage liegen. Ihr Kopf schlug gegen die Wand und bescherte Susan eine kurze Ohnmacht. Ihr Universum verschob sich erneut. Und dieses Mal kam Susans Welt tatsächlich ins Wanken.
Wenig später lichtete sich die Schwärze vor ihren Augen. Für einige Sekunden wusste Susan nicht, wo sie war. Sie lag auf dem Rücken und wandte den Kopf panisch hin und her. Dann nahm sie die weißen Wände und den sanften Schein der Wandleuchten wahr. Die Stille wurde nur von ihrem Wimmern durchbrochen. Susan selbst nahm es nicht wahr, denn die Lautlosigkeit des leeren Treppenhauses hallte in ihren Ohren,
Sie schloss die Augen und wartete, bis der Lärm in ihrem Kopf abebbte.
Schmerzen fluteten ihre Arme von den Handgelenken bis weit hinein in die Schulterblätter und zurück. Als ob mit Messern bewehrte Fische hinauf und hinab schwimmen würden. Tränen perlten links und rechts ihre Wangen herunter. Ihr Wimmern wurde lauter, aber als Susan schreien wollte, kam nur ein Krächzen aus ihrem Hals.
Sie holte ein paar Mal tief Luft, versuchte, die Schmerzen wegzuatmen, wie sie es bei ihrem Physiotherapeuten gelernt hatte. Zwei oder drei Etagen unter ihr klappte eine Tür, hallten Schritte auf den Stufen, begleitet vom Gelächter zweier Personen. Niemand hörte Susans Hilfeschrei.
Unvermittelt hatte sie starken Durst, leckte sich über die Lippen und spürte die trockene Haut. Der Durst verging nicht.
Die Schmerzen in ihren Armen verwandelten sich in ein tiefes Brummen. Susan war überzeugt, dass sie sich nicht bewegen durfte, um nicht erneut die höllischen Qualen zu erwecken. Wieviel Zeit seit ihrem Sturz verstrichen war, konnte sie nicht sagen. Ihre Uhr lag unbenutzt in der Schublade.
Das Treppenhaus war so distanziert und kalt wie zuvor. Das chromblitzende Geländer strahlte die alte Kühle aus und das Licht sickerte weiterhin sanft in den Raum. Susan fühlte sich wie in einem Raumschiff im All. Völlig allein.
Direkt auf dem Treppenabsatz über Susan öffnete sich die Tür. Eine Krankenschwester eilte, auf ihr Handy starrend nach oben, ohne einen Blick auf Susan zu verschwenden. Susans kraftloses Hallo starb in der darauffolgenden Stille einen schmerzvollen kleinen Tod.
Die Zeit zerrann, während der Schmerz brummte und Susan in dem Bestreben, einen möglichen Helfer nicht zu verpassen, die Augen weit aufriss und stumm um Erlösung flehte. Niemand kam.
Irgendwann fiel Susan der muffige Geruch auf. Als sie das Treppenhaus betreten hatte, war die Luft ihr frisch erschienen. Inzwischen war die Atmosphäre drückend, der Sauerstoff dickflüssig und durchsetzt mit einem modrigen Gestank, der ihr die Nasenlöcher verklebte.
Susans Gedanken kreisten. Immer wieder sanken ihre Lider herab. Erschöpft fühlte sie die Kälte des Fliesenbodens aufsteigen, die sie am Morgen noch als angenehm empfunden hatte. Inzwischen zitterte sie. Vielleicht war es nicht die Temperatur der Fliesen, sondern Susans unterschwellige Angst, man würde sie nicht finden. Was, wenn hier das ganze Wochenende niemand mehr entlangkam?
Das sanfte Licht verwandelte sich mit der Zeit in ein unbarmherziges und kaltes Leuchten. Das Glänzen des Geländers verhöhnte Susan und das Weiß der Wände starrte arrogant auf sie hernieder. Susans Zittern ließ ihren ganzen Körper erbeben. Ein unmenschlicher Schmerz durchfuhr sie, als sie versuchte, ihre Liegeposition zu verändern.
Susan war gestrandet und zur Bewegungslosigkeit verdammt.
Gerade als ihre Verzweiflung erneut wachsen wollte, klapperte unmittelbar über ihr die Tür. Zwei Pfleger kamen die Treppe herab. Eine Welle der Erleichterung überschwemmte Susan, nun würde sie Hilfe erhalten. Hoffnungsvoll sah sie nach oben.
Aber was war das?
Die beiden Männer registrierten Susan überhaupt nicht, stiegen mechanisch über ihre ausgestreckten Beine und verschwanden in der Tiefe des Treppenhauses.
Als sei sie unsichtbar, würdigten sie die Verletzte nicht eines Blickes. Sie hoben die Füße an, als sei Susan ein lästiges Hindernis oder ein Insekt, das sie nicht zertreten wollten. Susans fassungsloses Schluchzen verzerrte ihr Gesicht, fand jedoch keinerlei Gehör. Das Alleinsein wurde zur Folter, das erste Mal in ihrem Leben.
Eine Zeit verging. Der Durst brachte Susan fast um, höhlte ihr Denken aus, wie einen Kürbis. Ein Geräusch weckte sie aus ihrem Dämmerzustand. Unter ihr klappte eine Tür zu. Immerhin brachte sie ein lautes Summen zustande. Die Person, die das Treppenhaus betreten hatte, hob den Kopf, um die Ursache des Summens zu erkunden und sah Susan direkt ins Gesicht. Es war ein Mann mit Halbglatze und Latzhose, offensichtlich eine Art Hausmeister. Aber das war Susan egal. Er würde Hilfe holen.
Der Mann runzelte die Stirn, ließ den Blick zu den Wandlampen wandern und schüttelte den Kopf. Er schien Susan überhaupt nicht zu bemerken. In ihrer Kehle klumpte ein Schrei. Dann war der Mann auch schon die Treppe hinabgeeilt.
Susans Wehruf hallte kurz an den Wänden und fiel wie ein Zentnergewicht auf sie zurück. Sie begriff nicht, was hier geschah. War sie unsichtbar geworden? War sie gestorben und nur noch ein Geist? Oder war dies die Strafe dafür, dass sie die Gesellschaft anderer Menschen mied? Sie konnte nicht glauben, dass die Leute sie aus Herzlosigkeit ignorierten.
Der modrige Geruch wurde stärker, waberte um Susan herum und verdichtete sich. Das Chromblitzen über ihr wurde matt, das Licht flackerte. Die Wände wölbten sich und bildeten einen endlos scheinenden Korridor, während Susan darüber nachdachte, ob ihr Streben nach Ruhe nun endgültig erfüllt wurde. War sie gestorben, ohne die Gelegenheit zu bekommen, noch einmal ein menschliches Wort zu hören, eine tröstende Hand auf ihrer Schulter zu spüren?
Im Nebel nahm Susan mehrere Personen wahr, die über sie hinwegstiegen, von irgendeiner Macht dazu getrieben und dabei bemüht, sie nicht zu berühren. Sie hatte keine Kraft mehr, einen Laut von sich zu geben. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, ihre Lider geöffnet zu halten.
Im Strom der Zeit mitgerissen, trudelte Susan durch ein unbekanntes Universum. Völlig allein.
Die Stille um sie war nun beängstigend. Reumütig dachte sie an all die verpassten Gelegenheiten, andere Menschen in ihr Leben zu lassen. Wieviel Zeit sie mit der Suche nach Stille verschwendet hatte, erkannte sie jetzt erst.
Später strömten Worte an ihr vorbei, wie ein Schwarm Sardinen, silberglitzernd. Sie verschwanden im Leuchten hinter Susan. Susan drehte den Kopf, um ihnen nachzusehen, doch sie war nicht schnell genug. Ein unendlicher Moment verging. Gerade registrierte sie, dass die Fische ihre Schmerzen mitgenommen hatten, als schrille Töne den Kokon durchbrachen, den die Hoffnungslosigkeit um Susan gewebt hatte.
Piep…piep…piep