Die Botschaft
Fräulein Sieglinde ließ ihn rufen. Gunnar konnte es immer noch nicht fassen. Seit zwei Jahren staunte er die schöne Sieglinde aus der Ferne an und heute durfte er sogar in ihre Kemenate, in die Nähe der Verehrungswürdigen.
Gunnar eilte die Treppen hinauf, nahm immer gleich zwei Stufen auf einmal und verharrte dann doch vor der Tür seiner Angebeteten. Während er verschnaufte, strich er sich das Haar noch einmal glatt und richtete sein Wams. Sein Herz klopfte, nicht nur weil der Treppenspurt ihm den Atem genommen hatte. Sieglinde, sangen seine Herzschläge ein ums andere Mal. Sieglinde.
Die Tochter des Jobst von Mähren galt als spröde. Aber vielleicht sagten das nur die zahllosen Verehrer, die das schöne Fräulein abgewiesen hatte. Gunnar war bereits seit ihrer ersten Begegnung in sie verliebt. Damals zählte er gerade fünfzehn Lenze, war erst einige Tage am Hof des Mähren und durfte dem Fräulein behilflich sein, als es die Kutsche verließ. Seitdem gab sein Herz keine Ruhe mehr und klopfte und tanzte, wenn es gelang, Sieglinde einmal zu sehen.
Als er nun in die Kammer der Schönen trat, blendeten ihn die Kerzen, die sie hatte anzünden lassen. Im schattigen Hintergrund stand die Zofe, aber vorne im Licht saß das Fräulein und sah Gunnar aus großen blauen Augen an. Ein goldenes Netz umspannte ihr prachtvolles Haar und als Gunnar niederkniete, sah er die Adern unter Sieglindes milchig zarter Haut.
Mit einer Kopfbewegung schickte das Fräulein die Zofe aus dem Raum. Gunnar wagte kaum zu atmen. „Steh auf.“
Gunnar hielt die Augen gesenkt und konnte doch den Blick nicht abwenden. Selbst den Saum ihres Kleides verehrte er.
„Nun Gunnar“, ertönte Sieglindes liebliche Stimme erneut. „Ich hörte, dass du Bischoff Clemens nach Berlin zu König Sigismund begleiten wirst.“
„Ja, Fräulein Sieglinde“, stammelte Gunnar. „Es ist eine große Ehre für mich.“
Er wagte einen kurzen Blick in das Antlitz des Mädchens.
Sieglinde schien es nicht zu bemerken, denn sie zog einen Brief aus ihrem Mieder. „Das glaube ich wohl.“
Nach einer kleinen Pause fuhr sie fort. „Ich würde selbst gern dorthin reisen, aber wie du weißt, schickt sich das nicht. Deshalb möchte ich, dass du diesen Brief für mich mitnimmst.“
Gunnar beugte das Knie vor der Angebeteten. „Sehr gern, Fräulein.“
Ein wenig enttäuscht war er schon, dass er lediglich den Briefboten spielen sollte. Aber so war Sieglinde ihm zu Dank verpflichtet. Wer weiß, wohin das noch führen mochte?
„Der Brief darf nicht in falsche Hände geraten. Deshalb vertraue ich ihn dir an und niemand anderem. Verstehst du?“
Gunnar nickte. Sieglindes Nähe betäubte ihn fast und als er den Brief an sich nahm, spürte er, wie ihre Hand die seine streifte. Feuer konnte nicht heißer brennen.
„Wer soll den Brief erhalten?“
„Suche in Berlin einen Knaben namens Randolf und frage ihn nach seiner Katze Lodo. Er wird dir antworten, dass er nur einen Hund besitzt, der Bodo heißt. Dann ist es der richtige Knabe. Er wird alles Weitere übernehmen.“
Gunnar nickte. Es war nicht unüblich, sich eines geheimen Zeichens zu bedienen. Die feinen Herren machten das andauernd.
„Und kehre heil wieder zurück“, Siglinde lächelte verheißungsvoll. „Mein Ritter.“
Wie ein Bienenvolk summte die Erwartung durch Gunnars Bauch. Sollte es möglich sein?
Am nächsten Tag reiste der Bischof ab. Gunnar hatte Sieglinde nicht wieder gesehen, aber die Stelle, an der ihre Hand die seine gestreift hatte, brannte noch immer. Und der Brief mit ihrem Duft ruhte an seinem Herzen.
Die Reise war beschwerlich. Einmal wurden sie überfallen und nur mit Mühe konnten des Bischofs Männer die Straßenräuber vertreiben. Ein anderes Mal verirrten sie sich.
Das Wetter selbst machte jede neue Stunde zur Qual. Im dichten Schneetreiben kamen sie nach Wochen in Berlin an, wo sie dankbar Unterkunft im Hause nahestehender Verwandter der Mähren fanden. Die erschöpften Ankömmlinge sanken in einen tiefen Schlaf, aus dem Gunnar erst am nächsten Mittag erwachte. Ringsum war bereits lebhafter Trubel im Gange. Der Bischof saß bei einem Gelage zusammen mit dem Hausherrn. Das niedere Volk, zu dem auch Gunnar gehörte, wurde in der Küche versorgt. So schnell würde ihn der Herr nicht vermissen, dachte der und machte sich, noch mit einem Stück Brot in der Hand, auf die Suche nach dem Knaben.
Die ersten Burschen, die er ansprach, kannten niemanden namens Randolf. Nach einer Weile hatte Gunnar dann doch Glück. Randolf gehörte zum Hause der Hohenzollern. Erleichtert schenkte er dem Überbringer der guten Nachricht eine Münze und suchte die Nähe des Knaben. Wie ihm bedeutet wurde, hielt Randolf sich in den Stallungen auf. „Sein Herr ist kürzlich verstorben und er trauert sehr um ihn“, verriet der Knecht, den Gunnar um Rat fragte.
Das Scharren der Pferde in ihren Boxen, der Geruch des Strohs und das leise Wiehern der Tiere weckten in Gunnar heimatliche Gefühle. Viele Wochen war der Tross des Bischofs unterwegs und die gleiche Zeit würde er für den Rückweg brauchen. Hinzu rechneten die Tage, die Clemens benötigte, um König Sigismund von seiner Botschaft zu überzeugen, wenn es denn gelang. Gunnar senkte traurig den Kopf. Er sehnte sich nach Sieglinde, auch wenn er sie nur aus der Ferne betrachten konnte.
Hier und jetzt wollte er aber seine Aufgabe erledigen, damit das schöne Fräulein zufrieden mit ihm sei. In einer der hinteren Boxen fand er den Knaben. Vielleicht zwölf Lenze mochte er zählen. „Bist du Randolf?“
„Wer will das wissen?“
„Gunnar von Arnsheim.“
„Was willst du?“
„Ich suche meine Katze Lodo.“
Der blonde Knabe, dessen Gesicht soeben noch ohne Interesse war, leuchtete für einen Augenblick auf und fiel dann unversehens wieder in die Düsternis zurück, aus der Gunnars Worte es erweckt hatten. „Ich habe nur einen Hund“, murmelte Randolf. „Sein Name ist Bodo. Aber ich kann dir nicht mehr helfen.“
„Warum nicht?“, fragte Gunnar erstaunt.
„Mein Herr ist tot. Am Fieber gestorben. Deine Nachricht kommt zu spät“, sagte der Knabe mit Tränen in den Augen und wandte sich ab.
Gunnar stand wie erstarrt. Was sollte er denn jetzt tun? Er war völlig durcheinander. Sicher war Sieglindes Nachricht wichtig. Wem sollte er sie nun geben?
Unschlüssig ging er ein paar Schritte und zog dann Sieglindes Brief aus dem Wams, wo er warm und sicher gesteckt hatte. Mit seinem kleinen Dolch brach Gunnar das Siegel. Er musste wissen, was in dem Briefe stand.
Ein wenig Lesen hatte er im väterlichen Haus gelernt, nicht viel, aber es genügte.
Die Handschrift war fein und zog sich über den gesamten Papierbogen.
Mein Freund, las Gunnar. Die Zeit ist gekommen. So Bischof C. versagt und S. ihn nicht erhört, nehmt Ihr das Schicksal in die Hand und sorgt ein für alle Mal dafür, dass Friedrich nicht zum Markgrafen ernannt wird. Dort, wo das angestammte Recht der Mähren herrschen sollte. Ist die Grafschaft Berlin auch noch klein, so wird sie an Bedeutung gewinnen, denn sie liegt an einem strategisch wichtigen Punkt, wie Ihr wisst.
Wollt Ihr Euer Versprechen erfüllen, so will ich denn Gleiches tun und die Eure sein als Markgräfin zu Berlin-Cölln, wenn Euer Auftrag erfolgreich ist. S.
Es fühlte sich an, als hätte jemand Gunnar einen Dolch ins Herz gestoßen. Sieglinde versprach sich für eine Grafschaft. So nah sie ihm war, so fern war ihm das Fräulein auf einmal, die Erinnerung an die herrlich blauen Augen eine Qual.
Um das Gerangel, das die hohen Herren um die Ämter des Reiches bestritten, hatte Gunnar sich nie recht gekümmert. Er kam aus einem einfachen Hause, das sich um Politik nur selten scherte.
Wohl ging die Kunde, König Sigismund würde die Grafschaft des Mähren zu Gunsten des Hohenzollern Friedrich aberkennen. Was das bedeuten mochte, konnte Gunnar nur erahnen. Es musste für den Mähren enorm wichtig sein, wenn Clemens aus diesem Anlass nach Berlin reiste und Sieglinde sich dafür als Pfand einsetzte.
Er schluckte den Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hatte, hinunter. Ein für alle Mal bedeutete: Mord. Sollte Randolfs verstorbener Herr den Hohenzollern Friedrich in seinem eigenen Haus ermorden? Wenn das so war, musste er den Brief eiligst vernichten, befand er sich doch hier im Heim des Herrn Friedrich höchstselbst.
Gunnars Gedanken schwirrten wie eine Handvoll Fliegen durch sein Hirn, während er an den Fluss eilte. Warum hatte Sieglinde ihm eine solch mörderische Nachricht anvertraut? Sie musste doch wissen, was geschah, wenn man ihn damit einfing. Oder vertraute sie ihm so sehr? Sollte er sich geschmeichelt fühlen oder Ärger darüber empfinden, dass sie ihn ohne Warnung in Gefahr gebracht hatte?
Das Rauschen des Flusses beruhigte ihn. Weiter oben waren die Waschweiber dabei, große Wäschestücke auszuklopfen. Das monotone Schlagen der nassen Stoffe und das Gemurmel ihrer Stimmen, bildeten ein Netz, durch das Gunnar die Fäden seiner Gedanken webte.
Als sein Entschluss feststand, zerriss er Sieglindes Brief nicht, sondern sah sich nach einem Versteck um.
Am Abend setzte er eine Nachricht auf, mit der er Sieglinde über seine Entscheidung unterrichtete. Seine Schrift war eindrucksvoll und energisch. Während er die Sätze formulierte und Buchstabe für Buchstabe niederschrieb, lag ein hartes Lächeln auf Gunnars Gesicht.
Auch wenn Sieglinde ihr Versprechen einem anderen gab. Sie würde es einlösen müssen.