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Die Ankunft – Teil 1


Orwig Frerikson tauchte die Feder ins Tintenfass, strich die überschüssige Tinte sorgfältig ab und erweiterte die Liste der Dorfbewohner um zwei Personen. Die  Zungenspitze des Dorfvorstehers glitt angestrengt über seine Lippen, während er mühsam die Buchstaben aneinanderreihte.

Gerafunde und Idelinde. Sie waren beim grünen Heiner eingezogen. Der behauptete, es handele sich um seine verwitwete Schwester und deren Tochter. Nur dass Orwig sich nicht daran erinnern konnte, dass der grüne Heiner jemals eine Schwester besessen hätte. Zudem hatte seine Frau ihm berichtet, dass die beiden recht seltsam aussahen. „Stell dir vor… Sie haben keinerlei Falten im Gesicht oder an den Händen“, hatte sie geraunt. „Sie sehen so glatt aus, wie zwei Eier. Schwer zu sagen, welche davon die Mutter sein soll.“

Die Faltenlosigkeit der beiden Frauen machte Orwig jedoch die wenigsten Sorgen. Er krauste die Stirn und schlug die vorhergehenden Seiten des Bestandsbuches auf. Fein säuberlich waren dort Namen verzeichnet und aus den danebenstehenden Daten war ersichtlich, dass der Zustrom an neuen Bewohnern in letzter Zeit rasant zunahm. Wenn das so weiterging, würde aus dem Dorf bald eine kleine Stadt werden. Orwig hatte sich noch keine abschließende Meinung dazu gebildet, fand aber auch keine Erklärung für das Interesse der vielen Ankömmlinge an diesem Ort. Kinkelstein war ein Dorf, wie jedes andere. Etwa neunzig Gehöfte reihten sich aneinander, mal größer, mal kleiner, mal gepflegt, mal etwas vernachlässigt, so wie das in anderen Dörfern auch der Fall war.

Einmal im Monat war auf dem Gemeindeplatz Markttag, zu dem Händler aus dem Umland herbeiströmten und ihre Waren feilboten, während die Kinkelsteiner die Gelegenheit nutzten, ihrerseits Fleisch, Milch, Käse, Gemüse, Brot und Speck an den Mann zu bringen, eben das, was sie selbst herstellten. Vielleicht erhofften sich die neuen Zuzügler Absatz für eigene Waren? Eine Weberei fehlte vor Ort und auch ein Schneider, der einmal frischen Wind in die jahrhundertealte Kleidertradition brachte. Es wäre tatsächlich Bedarf an neuem Handwerk da.

Orwig beschloss, den Grafen aufzusuchen und ihm von dem ungewöhnlichen Zustrom zu berichten. Gleich morgen würde er sich auf den Weg machen und den Kinkelstein erklimmen, auf dem die Burg thronte. Ein wenig Angst hatte er vor der Reaktion des Grafen. Man wusste nie, wie er reagierte. Allerdings wollte Orwig auch nicht riskieren, seine Beobachtung für sich zu behalten. Vielleicht würde der Graf sich über die neuen Steuerzahler freuen und ihn angesichts der guten Nachricht belobigen? Die Aussicht auf ein paar zusätzliche Taler erzeugte ein angenehmes Gefühl in seiner Leibesmitte. Und auf dem Weg zur Burg würde er sich Heiners Schwester und deren Tochter ansehen, schon, um Marie beruhigen zu können. 

Am nächsten Morgen verabschiedete Orwig sich in der Früh von seiner Frau. 


Im Magen ein ordentliches Stück Speck und Brot, wurde ihm der Weg nicht schwer. Mine Weinsfelder hing gerade Wäsche auf,  als er ihren Hof passierte. An ihrem Rockzipfel hingen zwei kleine Kinder und bettelten um Aufmerksamkeit. Vielleicht hatten sie auch Hunger. Mine selbst sah blass aus und nickte ihm nur kaum erkennbar zu. Möglicherweise nahmen die drei Besucher, die ihr Mann Orwig gemeldet hatte, sie über Gebühr in Anspruch. Orwig kniff kurz die Augen zusammen. Ja, Mines Tanten waren zu ihnen gezogen, erinnerte er sich. Und gleich nebenan, bei Ballnaus hatten zwei Basen ein neues Zuhause gefunden, fiel ihm ein.

Während er den Hügel, der um den Kinkelstein herumführte, weiter voranschritt, wuchs ein Gedanke in Orwig, der ihm nahezu unheimlich erschien. Wie konnte ihm so etwas entgehen? Um sich Gewissheit zu verschaffen, hielt er an und öffnete die Schnallen an der Tasche, die Marie ihm zusammen mit einem herzhaften Kuss mit auf den Weg gegeben hatte. Seine Finger glitten vor lauter Aufregung immer wieder ab. Endlich zerrte er sein Buch hervor und blätterte zu den Einträgen der letzten Wochen. 

Tatsächlich! Ohne Ausnahme waren alle neuen Bewohner weiblich. Schwester, Base, Nichte, Tante… Orwig traten Schweißperlen auf die Stirn. Was hatte das zu bedeuten?

Sein Blick tastete suchend über den vor ihm liegenden Weg, als sei dort eine Antwort zu finden. Die zahlreichen Trittsteine, vom vielen Gebrauch leicht abgeschliffen, glotzten unbeeindruckt zurück. Verwirrt schüttelte Orwig den kahlen Schädel. Das war ihm zu hoch. Mochte der Graf das Rätsel lösen, wenn es ihm beliebte. Er hoffte nur, dass er ihn nicht schalt, weil es ihm nicht früher aufgefallen war.

Ein paar Meter weiter zweigte bereits Heiners Zuweg ab, der durch ein Wäldchen zu seinem Gehöft führte, welches für seinem Beinamen „grüner“ Heiner gesorgt hatte. Orwig überlegte einen Moment, ob er den kleinen Abstecher machen oder schnellstmöglich zur Burg eilen sollte und entschied sich dann, Marie zuliebe doch zunächst einen Blick auf die merkwürdige Verwandtschaft zu werfen. Gerafunde und Idelinde hießen sie, erinnerte er sich. Zwei Namen, die er noch nie gehört hatte. Aber das mochte nichts bedeuten.

Immer noch verwirrt, aber voller Tatenkraft schritt er aus, freute sich an den frischen Blättern der Birken und pfiff sogar ein fröhliches Liedchen, um sich selbst zu überzeugen, dass alles rechtens wäre.

Heiners erste Weide kam in Sicht, jedoch stand noch keine Kuh darauf. Spät dran dieses Jahr, der Heiner, dachte Orwig und lief rechterhand am Schweinekober vorbei, in dem sich munter die Borstentiere tummelten. Sofort ging ein lautstarkes Grunzen los, fast schon ein Schreien. Orwigs prüfendem Blick offenbarte sich schnell, dass die Zuber leer waren. Kein Wunder, wenn die Tiere ihren Unmut herausbrüllten. Ob der Heiner krank war und sie nicht füttern konnte? Aber warum halfen dann die Gäste nicht aus? 

Heiners Haus befand sich noch etwa hundertfünfzig Schritte weiter hügelan. Orwig rümpfte die Nase und unterdrückte einen aufkommenden Würgereiz. Irgendetwas stank hier fürchterlich. Als seien Tiere verendet. Oder lief Heiners Kloake über? Zu sehen war nichts, aber der Gestank war bestialisch. Schnell ging Orwig weiter und bemerkte deshalb auch nicht die Fliegenschwärme, die sich in einer seitlich gelegenen Senke gesammelt hatten.

Das Haus wirkte beim ersten Hinschauen nicht anders, als zu seinem letzten Besuch, fand Orwig und hatte doch das Gefühl, etwas stimmte nicht. Er blieb einen Augenblick stehen und verschnaufte. Konnte ein Haus verblassen und mit der Landschaft verschmelzen? Ganz genau so sah es nämlich aus. Die Ränder waren verschwommen, als hätte jemand ein Tuch genommen, daran herumgerieben und die Farben verwischt. Vielleicht waren aber auch die vielen Ranken daran schuld, die sich aus dem Hintergrund kommend über Dach und Raufen schoben und bald jede freie Fläche bedeckten. Da müsste Heiner bald etwas tun, sonst war sein Haus demnächst zugewuchert. Soweit durfte die Liebe zur Natur denn doch nicht gehen, auch wenn man grüner Heiner hieß.

Unter Orwigs festem Tritt knarrten die Stufen zur Eingangstür. Spätestens jetzt sollte Heiner wissen, dass Besuch gekommen war, aber es rührte sich nichts.

„Heiner! Mach auf!“

Nichts. Auch sein lautes Klopfen verhallte ungehört. Ob überhaupt jemand da war? Er drückte die Klinke herunter. Verschlossen. 

Die Fensterläden waren ringsum bis auf einen kleinen Spalt zugesperrt. Orwig presste ein Auge an den Nächstliegenden und versuchte, ins Innere zu spähen. Vergeblich. Doch, da, eine Bewegung! Als ob jemand winkte.

Möglicherweise waren alle krank und in großer Not? Orwigs Herz klopfte. Sollte er sich mit Gewalt Zutritt verschaffen? Es blieb ihm ja nichts anderes übrig. Ehe er Hilfe geholt hätte, konnte alles zu spät sein. Orwig ließ den Blick schweifen, ob etwas in der Nähe war, das er benutzen könnte.

In diesem Moment öffnete sich die Tür. 

Teil 2 folgt im November