Buchempfehlungen
Lockruf nach Zevidova
Die Autorin Dagmar Schmidt, früher selbst Diplomatengattin, plaudert hier auf äußerst unterhaltsame Weise aus dem Nähkästchen. Das hat mir so gut gefallen, dass ich diesem Neuerwerb einen dauerhaften Platz in meinem Bücherregal besorgt habe. Zevidova darf bleiben!
Was genau fand ich so toll an diesem Buch?
Einerseits ist es die recht authentische Schilderung des diplomatischen Parketts, die echt witzig ist. Man merkt, dass die Autorin hier ihre eigenen Erfahrungen verarbeitet hat. Wesentlicher ist aber die Protagonistin Katharina, die chaotisch, widerborstig und dennoch von der ersten Sekunde an sympathisch rüberkommt. Ich konnte sehr gut nachvollziehen, wie es sich für eine nicht mehr ganz junge, einigermaßen gelangweilte Frau anfühlen muss, wenn ein schneidiger russischer Offizier mit einem umwerfenden Lächeln und einem nicht minder umwerfenden Charme ihr den Hof macht. Wer käme da nicht in Versuchung?
Die Söhne der großen Bärin
Die Autorin Lieselotte Welskopf-Henrich schrieb in den 1950er bis 1970er Jahren zahlreiche Indianerbücher. Ich nenne sie auch Indianerbücher, weil ich das Wort „Indianer“ nicht als negativ konnotiert empfinde und weil gerade Welskopf-Henrich die indianische Geschichte sehr respektvoll und realitätsnah be- und verarbeitete.
Die Söhne der großen Bärin ist Band 3 einer Trilogie. Mein Vater bekam das Buch zu seinem 9. Geburtstag im Jahr 1952 geschenkt und schon deshalb hat es einen dauerhaften Platz in meinem Bücherregal inne.
Die Klangweberin
„Die Klangweberin“ von Sarah Ash würde ich im Genre Low-Fantasy einordnen und obwohl das Buch schon im Jahr 2000 verlegt wurde, ist es immer noch sehr gut zu lesen.
Wir werden in eine Welt entführt, die unserer nicht ganz unähnlich ist, jedoch fantastisch genug, um neugierig zu machen. Eine junge Frau, Orial, trifft auf einen Komponisten, der sich aus dem Nachbarland in ihre Stadt geflüchtet hat, weil er wegen seiner Musik in der Heimat verfolgt wird. Dort herrscht ein Regime, das unter dem Deckmantel des Glaubens Andersdenkende verfolgt und zu Zwangsarbeit oder auch Tod verurteilt. Sie selbst wurde von ihrem Vater seit der Kindheit von Musik ferngehalten, ohne dass sie weiß, warum. Da Kassian, der Komponist, schwere Verbrennungen an den Händen erlitten hat, kann er keine Noten mehr aufschreiben und nutzt Orials Gabe, die Musik in seinem Kopf zu „hören“, um seine verfemte Oper fertigzustellen. Orial findet hierdurch einen Zugang zu ihrer eigenen Geschichte, zur Geschichte ihrer Mutter, einer begnadeten Sängerin, die jung und unter mysteriösen Umständen verstarb.
Eine weitere wichtige Person ist ein Hauptmann, der aus dem Nachbarland entsandt wird, um Kassian zur Rückkehr und zum Abschwören zu bewegen oder, wenn der sich weigert, ihn zu töten. Als eine der zentralen Figuren durchläuft Korentan jedoch einen Sinneswandel, der seine Aufgabe konterkariert.
Das Spiel
„Das Spiel“ von Richard Laymon ist einer der besten Psychothriller, die ich je gelesen habe. Auch die zahlreichen anderen Werke des Autors, von denen ich allerdings nur einen Bruchteil besitze, reichen an „Das Spiel“ nicht heran.
Was macht das Buch so besonders?
Die junge Bibliothekarin Jane erhält die Aufforderung, an einem Spiel teilzunehmen. Sie muss um Mitternacht eine bestimmte Aufgabe lösen und erhält dafür jeweils den doppelten Betrag dessen, was sie für die vorherige Aufgabe erhalten hat. Natürlich steigert sich der Schwierigkeitsgrad…
Laymons Inszenierung ist in mehrfacher Hinsicht meisterhaft. Das Szenario ist klug durchdacht, die zu lösenden Aufgaben scheinen mit der Zeit einem immer krankeren Hirn zu entspringen und das Ganze ist von einer jungen Frau zu bewältigen, die irgendwann den Punkt, an dem es besser ist, aufzuhören, nicht mehr findet. Dabei können wir mitfühlen. Wir fragen uns bei jeder Aufgabe: soll sie wirklich weitermachen? Was könnte passieren?
Bis ans Ende der Welt
Reinhold Messners Buch liest sich wie ein Thriller. Er schildert darin seine wichtigsten Gipfeleroberungen. Nie hätte ich gedacht, dass man für die Besteigung schneebedeckter Berge so viele lebendige Beschreibungen finden kann. Jede Tour ist anders, gleichwohl spannend und abwechslungsreich, voller Gefühl – Reinhold holt den Leser mit auf den Berg. Eine kleine Leseprobe: „Hier, in nächster Nähe des Gipfels, stand die Welt zeitlos still. Das Brausen des Windes und das Summen aus dem Innern des Berges bildeten einen Teppich über den Tälern, so groß wie das Meer. Dieses anhaltend wogende Geräusch. Die gleitenden Farben im gezackten Rund am Gipfel zusammen in Schwarz und Weiß. Die Atmosphäre war von Ruhe geprägt, nicht von der lähmenden Ruhe des Todes, sondern von der befreienden Ruhe der Leere, die leicht und sorglos im Raum stand. Alle Geräusche waren wie tiefes Schweigen, jede Bewegung nicht Arbeit und nicht Handlung, nur Sein.“
Frauen, die ihre Stimme erheben
Bekannt wurde die Autorin Cecelia Ahern mit ihrem Roman „P.S. Ich liebe dich!“, der bereits sehr erfolgreich verfilmt wurde. Nicht ganz so bekannt ist ihr Buch „Frauen, die ihre Stimme erheben“. Aber auch dieses wurde bereits verfilmt und zwar als Serie, was angesichts der Tatsache, dass es sich um dreißig Kurzgeschichten handelt, Sinn macht.
Mich hat das Buch von der ersten bis zur letzten Seite begeistert, ist es doch charmant, witzig und dabei unheimlich tiefgründig, emotional mitreißend und absolut fantasievoll.
Die Autorin steckt Frauen in vermeintlich alltägliche Situationen und nimmt dabei das jeweilige Geschehen sehr wortwörtlich. So versinkt eine ihrer Figuren im Boden, weil sie sich schämt. Eine andere trägt ihre Gewissensbisse auf der Haut, eine andere sät Zweifel in ihrem Garten, wieder eine andere schlüpft in die Schuhe ihres Mannes usw. Dreißig wunderbare Geschichten, die uns darüber nachdenken lassen, wie wichtig es ist, zu uns selbst zu stehen, auf unseren Körper zu hören, unsere Träume nicht zu vernachlässigen und die richtigen Prioritäten in unserem Leben zu setzen. Das Buch kann ich den weiblichen Leserinnen wärmstens empfehlen – den männlichen Lesern durchaus auch, mit der Bitte, einmal genauer hinzuschauen, welche der Frauen in ihrem Umfeld sich gut in einer von Aherns Geschichten wiederfinden könnte.
The green mile
King liefert hier eine berührende Geschichte in 6 Teilen ab, die inzwischen auch sehr erfolgreich verfilmt wurde. Tom Hanks spielt darin grandios den Gefängnisaufseher Paul Edgecombe, der zusammen mit seinen Kollegen den Todestrakt im Staatsgefängnis von Cold Mountain betreut.
Namensgebend für the green mile ist der grüne Fußbodenbelag zwischen den Gefängniszellen. Man kann sich vorstellen, dass für die Männer auf dem Weg zum elektrischen Stuhl jeder Schritt wie eine Meile erscheint.
Wir schreiben das Jahr 1932, das als Jahr des John Coffey bezeichnet wird, weil es in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist. King führt uns gemächlich plaudernd in die Szenerie ein, präsentiert uns Paul Edgecombe als kranken, aber sehr korrekten Menschen und liefert uns auch gleich das Gegenstück dazu, den Bösewicht an sich – einen sadistischen jungen Mann, der nur dank seiner Verwandtschaft mit einem hohen Politiker im Todestrakt arbeiten darf.