Die Klangweberin

„Die Klangweberin“ von Sarah Ash würde ich im Genre Low-Fantasy einordnen und obwohl das Buch schon im Jahr 2000 verlegt wurde, ist es immer noch sehr gut zu lesen.
Wir werden in eine Welt entführt, die unserer nicht ganz unähnlich ist, jedoch fantastisch genug, um neugierig zu machen. Eine junge Frau, Orial, trifft auf einen Komponisten, der sich aus dem Nachbarland in ihre Stadt geflüchtet hat, weil er wegen seiner Musik in der Heimat verfolgt wird. Dort herrscht ein Regime, das unter dem Deckmantel des Glaubens Andersdenkende verfolgt und zu Zwangsarbeit oder auch Tod verurteilt. Sie selbst wurde von ihrem Vater seit der Kindheit von Musik ferngehalten, ohne dass sie weiß, warum. Da Kassian, der Komponist, schwere Verbrennungen an den Händen erlitten hat, kann er keine Noten mehr aufschreiben und nutzt Orials Gabe, die Musik in seinem Kopf zu „hören“, um seine verfemte Oper fertigzustellen. Orial findet hierdurch einen Zugang zu ihrer eigenen Geschichte, zur Geschichte ihrer Mutter, einer begnadeten Sängerin, die jung und unter mysteriösen Umständen verstarb.
Eine weitere wichtige Person ist ein Hauptmann, der aus dem Nachbarland entsandt wird, um Kassian zur Rückkehr und zum Abschwören zu bewegen oder, wenn der sich weigert, ihn zu töten. Als eine der zentralen Figuren durchläuft Korentan jedoch einen Sinneswandel, der seine Aufgabe konterkariert.
Das Buch hat alles, was es für Spannung braucht. Ungerechtigkeit, Aufstand, Verfolgung, Auflehnung, Gewalt, Tod, Schmerz und Hoffnung, ja sogar Liebe. Die Figuren sind konsequent und gut gezeichnet, entwickeln sich im Lauf der Handlung und steigern diese zu einer Spirale, in der man das Buch nicht mehr weglegen möchte. Die fantastischen Elemente sind gekonnt eingesetzt, schlüssig und machen immer wieder neugierig.
Was hat mich nun besonders fasziniert? Es gibt wenige Autoren, die sich die Zeit nehmen, den Leser langsam und behutsam in die neue Welt einzuführen. Manche bombardieren den Leser geradezu mit Erklärungen, die ihn einfach überfluten. Sarah Ash schaffte es, ihren Roman so aufzubauen, dass die Handlung flüssig bleibt und wir trotzdem nach und nach mehr über diese andere Welt, ihre Menschen und deren Gepflogenheiten erfahren. Sie verpackt neue Wörter mitunter so, dass sie den irdischen ähneln. So wird zum Beispiel aus Kaffee Quäffè, aus der Gitarre die Kithara. Andere Begriffe werden so in den Kontext gesetzt, dass man auch ohne Erklärung weiß, was gemeint ist. Das liest sich sehr angenehm, da man sich auf die Handlung konzentrieren kann.
Sehr gefallen hat mir auch der Rahmen der Geschichte, in welcher die Toten zu einem besonderen Zeitpunkt als eine Art Libellen in den Himmel steigen. Erst durch die Musik vollendet sich jedoch deren Bestimmung. Dies stellt auch den wunderbaren und fantastischen Höhepunkt der Geschichte dar, in dem Kassian und Orial ihre Berufung finden.